Studie mit Border Collies zur Aufmerksamkeit bei Hunden

Welchen Einfluss hat das Alter eines Hundes auf seine Fähigkeit zur Aufmerksamkeit? Diesen und ähnlichen Fragestellungen widmete sich eine aktuelle Studie[1] von Lisa J. Wallis von der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Wallis et al. 2014). Um den Effekt des Alters auf die Aufmerksamkeit bei Hunden zu untersuchen, testeten die Wissenschaftler insgesamt 145 Border Collies in sieben verschiedenen Altersgruppen. Die jüngsten Hunde waren 6 Monate, die ältesten über 13 Jahre alt.



Mithilfe verschiedener Testsituationen sollte in Abhängigkeit des Alters herausgefunden werden, wie schnell die Hunde ihre Aufmerksamkeit auf einen Stimulus richten und wie lange sie diese Aufmerksamkeit aufrechterhalten können. Außerdem wurde ihre Fähigkeit zur selektiven Aufmerksamkeit untersucht.

Ältere Hunde zeigen kürzere Aufmerksamkeitsspanne bei unbelebtem Stimulus


Das erste Experiment bestand aus zwei unterschiedlichen Situationen. In Situation 1 wurde ein Kinderspielzeug mithilfe einer Art Seil vor dem Hund auf und ab bewegt. In der zweiten Situation befand sich der Hund bereits im Testraum, als die Versuchsleiterin hineinkam und zur gegenüberliegenden Wand ging. Anschließend lief sie vor der Wand hin und her und täuschte vor, die Wand zu streichen. In beiden Fällen bestand die Aufgabe der Border Collies darin, schnellstmöglich ihre Aufmerksamkeit auf das Objekt beziehungsweise den Menschen zu richten. Gemessen wurde jeweils, wie lange der Hund brauchte, um das Objekt oder die Person zu fokussieren und wie lange die Aufmerksamkeit anhielt.

Für die erste Situation zeigte sich ein Alterseffekt: Die Aufmerksamkeitsspanne der älteren Hunde war signifikant kürzer als die der jüngeren Hunde. Keinen Alterseffekt fanden Lisa J. Wallis und ihr Team in Situation 2. Selbst die Seniorhunde waren in der Lage, die Aufmerksamkeit bei einem menschlichen Stimulus über eine Minute lang aufrecht zu erhalten. Außerdem schlussfolgerten die Wissenschaftler, dass die zur Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit benötigten Fähigkeiten bei Hunden bereits im Alter von 6 Monaten auf Erwachsenenlevel sind.

Hunde mittleren Alters sind besser in selektiver Aufmerksamkeit


Im zweiten Experiment stand die Versuchsleiterin mit einem Clicker in der Hand in der Raummitte. Dann rief sie den Hund zu sich und warf ein Würstchenstück zur Belohnung auf den Boden. Sobald der Hund wieder Blickkontakt mit ihr hergestellt hatte, betätigte sie den Clicker und warf ein weiteres Würstchenstück auf den Boden. Wieder wartete sie auf den Blickkontakt mit dem Hund, betätigte erneut den Clicker und belohnte den Hund mit Futter. Während des gesamten Experimentes mussten die Hunde den Fokus ihrer Aufmerksamkeit ständig in Anwesenheit konkurrierender Reize (belohnende Hand, Futter auf dem Boden, Gesicht der Versuchsleiterin) wechseln. Um die Futterbelohnung zu erhalten, mussten sie irrelevante Informationen ignorieren.

Mit dieser Aufgabe wurden die sensomotorischen Fähigkeiten und die selektive Aufmerksamkeit der Hunde untersucht. Analysiert wurde diesmal, wie lange die Hunde brauchten, um Blickkontakt herzustellen und das Würstchenstück zu finden. Wieder konnten die Wissenschaftler einen Alterseffekt feststellen. Hunde in der mittleren Altersgruppe (zwischen 3 und 6 Jahren) fanden das Futter am schnellsten und benötigten die kürzeste Zeit, um den Blickkontakt herzustellen. Sowohl die jüngeren als auch die älteren Hunde waren im Vergleich dazu bei beiden Aufgaben langsamer. Die Ursachen dafür könnten sein, dass die jungen und älteren Hunde ihre Aufmerksamkeit schlechter kontrollieren können und sie sich leichter ablenken lassen.

Parallelen zwischen Hunden und Menschen


Ähnlich wie die 6 Monate alten Border Collies, zeigen auch Menschen in einem sehr jungen Alter (5 bis 7 Jahre) schon aufmerksamkeitsbezogene Fähigkeiten auf Erwachsenenniveau. Um Vergleiche zwischen Hunden und Menschen zu erleichtern, haben Patronek et al. (1997)[2] eine Methode entwickelt, mit der ausgehend vom Hundealter das menschliche Altersäquivalent berechnet werden kann. In der Studie von Lisa J. Wallis zeigten Hunde im Alter von 3 bis 6 Jahren die besten Leistungen in den Bereichen selektiver Aufmerksamkeit und Sensomotorik. Dies entspricht einem menschlichen Alter von etwa 28 bis 38 Jahren. Im Vergleich zu Studien mit menschlichen Versuchspersonen zeigt sich hier nur eine verhältnismäßig geringe Abweichung: Bei den Menschen konnten die besten Ergebnisse im Alter von 20 bis 30 Jahren gemessen werden.

[1] Wallis, L. J., Range, F., Müller, C. A., Serisier, S., Huber, L. & Virányi, Z. (2014): Lifespan development of attentiveness in domestic dogs: drawing parallels with humans, Front Psychol. 5:71.
[2] Patronek G. J., Waters D. J., Glickman L. T. (1997): Comparative longevity of pet dogs and humans: implications for gerontology research. J. Gerontol. A Biol. Sci. Med. Sci. 52(3): B171–B178.